Was bedeutet EMV?
EMV steht für Elektromagnetische Verträglichkeit (englisch: Electromagnetic Compatibility, EMC). Sie beschreibt die Fähigkeit eines elektrischen oder elektronischen Produkts, in seiner elektromagnetischen Umgebung zuverlässig zu funktionieren, ohne andere Geräte unzulässig zu stören und ohne selbst durch elektromagnetische Einflüsse beeinträchtigt zu werden.
Die elektromagnetische Verträglichkeit ist eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung und das Inverkehrbringen vieler elektrischer und elektronischer Produkte. Ob Haushaltsgerät, Industrieanlage, Messgerät oder IoT-Gerät – nahezu jedes Produkt mit elektrischen oder elektronischen Komponenten muss die Anforderungen an die EMV erfüllen, bevor es in der Europäischen Union auf den Markt gebracht werden kann.
Die zwei Grundprinzipien der EMV
Die elektromagnetische Verträglichkeit basiert auf zwei wesentlichen Anforderungen:
Elektromagnetische Störaussendung (Emission)
Jedes elektronische Gerät erzeugt elektromagnetische Emissionen. Diese dürfen jedoch nur innerhalb festgelegter Grenzwerte liegen, damit andere Geräte in der Umgebung nicht gestört werden.
Typische Ursachen für elektromagnetische Emissionen sind:
- Schaltnetzteile
- Mikrocontroller und digitale Schaltungen
- Hochfrequenz-Taktgeneratoren
- Daten- und Versorgungsleitungen
- Leistungselektronik
Während einer EMV-Prüfung wird überprüft, ob die abgestrahlten und leitungsgebundenen Emissionen die zulässigen Grenzwerte einhalten.
Elektromagnetische Störfestigkeit (Immunität)
Neben der Begrenzung eigener Emissionen muss ein Produkt auch gegenüber elektromagnetischen Einflüssen ausreichend robust sein.
Ein Produkt sollte beispielsweise auch dann zuverlässig funktionieren, wenn es folgenden Einflüssen ausgesetzt ist:
- Elektrostatischen Entladungen (ESD)
- Funkfeldern durch WLAN, Bluetooth oder Mobilfunk
- Schnellen transienten Störungen (EFT/Burst)
- Überspannungen (Surge)
- Spannungseinbrüchen oder kurzen Netzausfällen
Diese Eigenschaften werden im Rahmen der sogenannten Immunitätsprüfungen bewertet.
Warum ist EMV so wichtig?
Ohne elektromagnetische Verträglichkeit könnten sich elektronische Geräte gegenseitig beeinflussen und Fehlfunktionen verursachen.
Beispiele aus der Praxis sind:
- Eine LED-Leuchte stört den Radioempfang.
- Eine Maschinensteuerung reagiert auf Spannungsschwankungen.
- Ein medizinisches Gerät wird durch starke Funkfelder beeinflusst.
- Ein Industrie-PC startet nach einer elektrostatischen Entladung neu.
EMV trägt daher maßgeblich zur Sicherheit, Zuverlässigkeit und Funktionalität elektrischer und elektronischer Produkte bei.
EMV beginnt bereits während der Produktentwicklung
Viele Hersteller beschäftigen sich erst kurz vor der Laborprüfung mit dem Thema EMV. Tatsächlich beginnt elektromagnetische Verträglichkeit jedoch bereits in der Entwicklungsphase.
Ein optimiertes Leiterplattenlayout, eine geeignete Schirmung, durchdachte Erdungskonzepte und die richtige Auswahl elektronischer Komponenten können maßgeblich dazu beitragen, spätere EMV-Probleme zu vermeiden.
Je früher EMV-Anforderungen berücksichtigt werden, desto geringer sind in der Regel Entwicklungsaufwand, Prüfkosten und das Risiko kostspieliger Designänderungen.
Tipp: Welche harmonisierten Normen aktuell unter der EMV-Richtlinie (2014/30/EU) veröffentlicht sind, können Sie kostenlos in der EMC Harmonised Standards Database von ScopeRight prüfen:
Im nächsten Kapitel erfahren Sie, warum EMV-Prüfungen erforderlich sind und welche gesetzlichen Anforderungen Hersteller in der Europäischen Union erfüllen müssen.
Warum sind EMV-Prüfungen notwendig?
Elektrische und elektronische Produkte werden heute in nahezu jeder Umgebung eingesetzt – zu Hause, im Büro, in Industrieanlagen, Krankenhäusern oder Fahrzeugen. Da diese Produkte häufig gleichzeitig betrieben werden, müssen sie zuverlässig zusammenarbeiten, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen.
EMV-Prüfungen stellen sicher, dass ein Produkt keine unzulässigen elektromagnetischen Störungen verursacht und auch unter dem Einfluss elektromagnetischer Störungen zuverlässig funktioniert. Sie sind daher ein wesentlicher Bestandteil der Produktentwicklung, der Produktsicherheit und der gesetzlichen Konformitätsbewertung.
Schutz anderer Geräte
Jedes elektrische oder elektronische Produkt erzeugt elektromagnetische Emissionen. Überschreiten diese die zulässigen Grenzwerte, können sie die Funktion anderer Geräte beeinträchtigen.
Typische Beispiele sind:
- Ein Schaltnetzteil stört den Radioempfang.
- Eine industrielle Steuerung beeinflusst benachbarte Messgeräte.
- Ein LED-Treiber verursacht leitungsgebundene Störungen im Stromnetz.
- Digitale Schaltungen beeinträchtigen drahtlose Kommunikationssysteme.
Im Rahmen der EMV-Emissionsprüfungen wird überprüft, ob die abgestrahlten und leitungsgebundenen Störungen innerhalb der in den harmonisierten Normen festgelegten Grenzwerte liegen.
Schutz des eigenen Produkts
EMV bedeutet jedoch nicht nur, andere Geräte vor Störungen zu schützen. Ebenso wichtig ist, dass ein Produkt selbst gegenüber elektromagnetischen Einflüssen ausreichend robust ist.
Im Rahmen der Immunitätsprüfungen wird unter anderem überprüft, wie ein Produkt auf folgende Einflüsse reagiert:
- Elektrostatische Entladungen (ESD)
- Hochfrequente elektromagnetische Felder
- Schnelle transiente Störungen (EFT/Burst)
- Überspannungen (Surge)
- Leitungsgebundene HF-Störungen
- Spannungseinbrüche und kurze Netzunterbrechungen
Besteht ein Produkt diese Prüfungen nicht, kann es im praktischen Einsatz zu Fehlfunktionen, Kommunikationsproblemen, Datenverlust oder unerwarteten Systemausfällen kommen.
EMV-Prüfungen sind gesetzlich vorgeschrieben
Für viele elektrische und elektronische Produkte sind EMV-Prüfungen keine freiwillige Maßnahme, sondern eine gesetzliche Verpflichtung.
Innerhalb der Europäischen Union bildet die EMV-Richtlinie (2014/30/EU) den rechtlichen Rahmen. Bevor ein Produkt auf dem europäischen Markt bereitgestellt werden darf, muss der Hersteller nachweisen, dass die grundlegenden Anforderungen der Richtlinie erfüllt werden.
Der Nachweis erfolgt in der Regel durch die Anwendung der entsprechenden harmonisierten europäischen Normen, welche die erforderlichen Prüfverfahren, Grenzwerte und Leistungsanforderungen festlegen.
Sie möchten wissen, welche EMV-Normen aktuell harmonisiert sind?
Mit der kostenlosen EMC Harmonised Standards Database von ScopeRight können Sie schnell prüfen, welche harmonisierten Normen derzeit unter der EMV-Richtlinie veröffentlicht sind:
EMV bereits in der Entwicklung berücksichtigen
Ein häufiger Grund für Verzögerungen in Zertifizierungsprojekten ist, dass EMV erst kurz vor der Laborprüfung berücksichtigt wird.
Wer die EMV-Anforderungen bereits während der Entwicklung einplant, profitiert von zahlreichen Vorteilen:
- Höhere Wahrscheinlichkeit, die Laborprüfungen beim ersten Versuch zu bestehen
- Weniger kostspielige Designänderungen
- Kürzere Entwicklungs- und Zertifizierungszeiten
- Bessere Planbarkeit von Prüfkosten und Projektlaufzeiten
Die frühzeitige Auswahl der richtigen Normen und Prüfanforderungen hilft dabei, unnötige Prüfungen zu vermeiden und den gesamten Konformitätsbewertungsprozess effizient zu gestalten.
Im nächsten Kapitel werfen wir einen genaueren Blick auf die EMV-Richtlinie (2014/30/EU), ihre wesentlichen Anforderungen und die Pflichten, die Hersteller beim Inverkehrbringen ihrer Produkte in der Europäischen Union erfüllen müssen.
EMV-Richtlinie (2014/30/EU)
Die EMV-Richtlinie 2014/30/EU (Richtlinie über die elektromagnetische Verträglichkeit) legt die Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit elektrischer und elektronischer Betriebsmittel innerhalb der Europäischen Union fest. Sie gehört zu den sogenannten CE-Richtlinien und soll sicherstellen, dass Produkte störungsfrei betrieben werden können, ohne andere Geräte unzulässig zu beeinflussen oder selbst durch elektromagnetische Störungen beeinträchtigt zu werden.
Für viele Hersteller ist die Einhaltung der EMV-Richtlinie eine wesentliche Voraussetzung, um ein Produkt rechtskonform auf dem europäischen Markt bereitzustellen.
Ziel der EMV-Richtlinie
Das Hauptziel der Richtlinie besteht darin, einen störungsfreien Betrieb elektrischer und elektronischer Geräte im europäischen Binnenmarkt zu gewährleisten.
Hierzu müssen Produkte zwei grundlegende Anforderungen erfüllen:
- Sie dürfen keine elektromagnetischen Störungen verursachen, die den Betrieb anderer Geräte beeinträchtigen.
- Sie müssen gegenüber elektromagnetischen Störungen ausreichend unempfindlich sein, um unter den vorgesehenen Betriebsbedingungen zuverlässig zu funktionieren.
Diese Anforderungen tragen dazu bei, dass unterschiedlichste Geräte – von Haushaltsgeräten bis hin zu industriellen Anlagen – sicher und zuverlässig nebeneinander betrieben werden können.
Für welche Produkte gilt die EMV-Richtlinie?
Die Richtlinie gilt grundsätzlich für die meisten elektrischen und elektronischen Betriebsmittel, die elektromagnetische Störungen verursachen können oder deren Funktion durch solche Störungen beeinflusst werden kann.
Typische Beispiele sind:
- Haushaltsgeräte
- Industrie- und Automatisierungstechnik
- Mess- und Laborgeräte
- Beleuchtungseinrichtungen
- Netzteile
- Multimedia- und IT-Geräte
- Elektronische Baugruppen
- Maschinen mit elektrischen oder elektronischen Komponenten
Produkte mit integrierten Funktechnologien fallen in der Regel unter die Funkanlagenrichtlinie (RED 2014/53/EU). Diese umfasst bereits Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit, sodass die EMV-Richtlinie für diese Produkte normalerweise nicht separat angewendet wird.
Nachweis der Konformität
Die Einhaltung der EMV-Richtlinie wird üblicherweise durch die Anwendung harmonisierter europäischer Normen nachgewiesen. Diese Normen definieren anerkannte Prüfverfahren, Grenzwerte und Leistungsanforderungen für unterschiedliche Produktkategorien.
Die Auswahl der richtigen Normen hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:
- Produktart
- Einsatzumgebung
- Elektrische Eigenschaften
- Vorgesehene Verwendung
Wendet ein Hersteller die einschlägigen harmonisierten Normen vollständig an, besteht die sogenannte Vermutungswirkung der Konformität. Das bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass die entsprechenden grundlegenden Anforderungen der EMV-Richtlinie erfüllt sind.
Technische Dokumentation und CE-Kennzeichnung
Vor dem Inverkehrbringen eines Produkts muss der Hersteller eine technische Dokumentation erstellen, die die Einhaltung der Anforderungen der EMV-Richtlinie belegt.
Je nach Produkt umfasst diese Dokumentation unter anderem:
- Produktbeschreibung
- Schaltpläne und Konstruktionsunterlagen
- Risikobewertung
- EMV-Prüfberichte
- Liste der angewendeten harmonisierten Normen
- EU-Konformitätserklärung (Declaration of Conformity)
Nach erfolgreicher Konformitätsbewertung bringt der Hersteller die CE-Kennzeichnung am Produkt an und erklärt damit, dass alle anwendbaren europäischen Rechtsvorschriften eingehalten wurden.
Wo finde ich die aktuellen harmonisierten EMV-Normen?
Die Europäische Kommission veröffentlicht regelmäßig die unter der EMV-Richtlinie harmonisierten Normen sowie weitere Informationen zur Richtlinie. Da diese Normen aktualisiert oder ersetzt werden können, sollten Hersteller stets die aktuelle Fassung prüfen.
Für eine schnelle Recherche stellt ScopeRight außerdem eine kostenlose EMC Harmonised Standards Database zur Verfügung, in der die aktuell harmonisierten EMV-Normen übersichtlich zusammengestellt sind.
Weiterführende Informationen:
- EMC Harmonised Standards Database (ScopeRight): https://scope-right.com/standards-database/emc-harmonised-standards-database/
- Offizielle Informationen der Europäischen Kommission zur EMV-Richtlinie: https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/electrical-and-electronic-engineering-industries-eei/electromagnetic-compatibility-emc-directive_en
Im nächsten Kapitel erfahren Sie, welche EMV-Prüfungen durchgeführt werden, was sie bewerten und welche Prüfungen je nach Produkt erforderlich sein können.
Welche EMV-Prüfungen gibt es?
Um nachzuweisen, dass ein Produkt die Anforderungen der EMV-Richtlinie erfüllt, werden standardisierte EMV-Prüfungen durchgeführt. Diese bewerten sowohl die elektromagnetischen Störaussendungen eines Produkts als auch seine Widerstandsfähigkeit gegenüber elektromagnetischen Störungen.
Welche Prüfungen erforderlich sind, hängt von der jeweiligen Produktnorm oder – falls keine Produktnorm existiert – von den anzuwendenden generischen EMV-Normen ab. Nicht jedes Produkt muss daher alle EMV-Prüfungen durchlaufen.
Grundsätzlich werden EMV-Prüfungen in zwei Kategorien unterteilt:
- Emissionsprüfungen – Sie bewerten, welche elektromagnetischen Störungen ein Produkt verursacht.
- Immunitätsprüfungen – Sie überprüfen, wie widerstandsfähig ein Produkt gegenüber elektromagnetischen Einflüssen ist.
Emissionsprüfungen
Abgestrahlte Störaussendungen (Radiated Emissions)
Bei der Messung der abgestrahlten Störaussendungen wird ermittelt, welche elektromagnetischen Felder ein Produkt während des Betriebs abstrahlt.
Die Prüfung erfolgt in einer EMV-Messumgebung, beispielsweise einer Absorberhalle oder einem Freifeldmessplatz. Ziel ist es sicherzustellen, dass die abgestrahlten Emissionen die in den harmonisierten Normen festgelegten Grenzwerte nicht überschreiten.
Typische Ursachen für abgestrahlte Emissionen sind:
- Hochfrequente Taktgeneratoren
- Mikrocontroller
- Datenleitungen
- Schaltnetzteile
- Unzureichend geschirmte Kabel
Leitungsgebundene Störaussendungen (Conducted Emissions)
Elektronische Produkte können hochfrequente Störungen nicht nur abstrahlen, sondern auch über Strom- oder Signalleitungen übertragen.
Bei dieser Prüfung wird gemessen, welche Störungen über die angeschlossenen Leitungen in das Stromnetz oder andere Geräte eingekoppelt werden.
Immunitätsprüfungen
Elektrostatische Entladung (ESD)
Die ESD-Prüfung simuliert elektrostatische Entladungen, wie sie beispielsweise entstehen, wenn eine aufgeladene Person ein Produkt berührt.
Dabei wird überprüft, ob das Gerät während und nach der Entladung weiterhin ordnungsgemäß funktioniert oder sich selbstständig wieder erholt.
Schnelle transiente Störungen (EFT/Burst)
Schaltvorgänge in elektrischen Anlagen erzeugen kurze, hochenergetische Impulse.
Die EFT/Burst-Prüfung bewertet, ob ein Produkt solchen transienten Störungen standhalten kann, ohne Fehlfunktionen oder Datenverluste zu verursachen.
Überspannungsprüfung (Surge)
Die Surge-Prüfung simuliert Überspannungen, die beispielsweise durch Blitzeinschläge oder Schaltvorgänge im Stromnetz entstehen können.
Sie überprüft, ob ein Produkt diese kurzzeitigen Hochenergieimpulse ohne unzulässige Beeinträchtigung übersteht.
Gestrahlte Störfestigkeit (Radiated Immunity)
Bei dieser Prüfung wird das Produkt definierten hochfrequenten elektromagnetischen Feldern ausgesetzt.
Ziel ist es sicherzustellen, dass das Produkt auch in der Nähe von Mobiltelefonen, WLAN-Routern oder anderen Funkquellen zuverlässig funktioniert.
Leitungsgebundene Störfestigkeit (Conducted Immunity)
Hierbei werden hochfrequente Störungen gezielt über angeschlossene Leitungen in das Produkt eingekoppelt.
Die Prüfung bewertet, ob das Gerät trotz dieser Störungen seine vorgesehene Funktion beibehält.
Spannungseinbrüche und Kurzzeitunterbrechungen
Schwankungen der Netzspannung gehören zum normalen Betrieb elektrischer Versorgungsnetze.
Diese Prüfung simuliert Spannungseinbrüche und kurze Unterbrechungen der Stromversorgung und bewertet, wie sich das Produkt unter diesen Bedingungen verhält und ob es sich anschließend ordnungsgemäß erholt.
Magnetfeldprüfung
Für bestimmte Produktkategorien werden zusätzlich niederfrequente Magnetfelder geprüft, wie sie beispielsweise in industriellen Umgebungen oder in der Nähe leistungsstarker elektrischer Anlagen auftreten können.
Diese Prüfung stellt sicher, dass das Produkt auch unter dem Einfluss solcher Magnetfelder zuverlässig funktioniert.
Welche EMV-Prüfungen sind für mein Produkt erforderlich?
Die erforderlichen EMV-Prüfungen unterscheiden sich je nach Produkt. Ausschlaggebend sind unter anderem:
- die Produktkategorie,
- die anzuwendenden harmonisierten Normen,
- die vorgesehene Einsatzumgebung,
- die elektrischen Eigenschaften des Produkts,
- sowie weitere anwendbare EU-Richtlinien oder Verordnungen.
Eine frühzeitige Auswahl der richtigen Normen hilft dabei, unnötige Prüfungen zu vermeiden und den Zertifizierungsprozess effizient zu planen.
Im nächsten Kapitel erfahren Sie, wie Sie die richtige EMV-Norm für Ihr Produkt auswählen und warum harmonisierte Normen eine entscheidende Rolle bei der CE-Konformität spielen.
Wie finde ich die richtige EMV-Norm für mein Produkt?
Die Auswahl der richtigen EMV-Norm ist einer der wichtigsten Schritte im Konformitätsbewertungsprozess. Die anzuwendende Norm legt fest, welche EMV-Prüfungen durchgeführt werden müssen, welche Grenzwerte gelten und welche Leistungsanforderungen ein Produkt erfüllen muss.
Eine falsche Normenauswahl kann zu unnötigen Prüfungen, zusätzlichen Kosten oder sogar dazu führen, dass bereits abgeschlossene Prüfungen wiederholt werden müssen. Daher sollte die Auswahl der relevanten Normen möglichst früh im Entwicklungsprozess erfolgen.
Es gibt nicht die eine EMV-Norm
Ein häufiger Irrtum besteht darin, dass es eine einzige EMV-Norm für alle Produkte gibt. Tatsächlich existieren zahlreiche harmonisierte Normen, die jeweils für bestimmte Produktkategorien oder Anwendungsbereiche entwickelt wurden.
Welche Norm anzuwenden ist, hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:
- Produktart
- Bestimmungsgemäße Verwendung
- Einsatzumgebung (Wohn-, Gewerbe- oder Industriebereich)
- Elektrische Eigenschaften des Produkts
- Vorhandene Schnittstellen und Anschlüsse
- Weitere anwendbare EU-Richtlinien oder Verordnungen
Die Auswahl der richtigen Norm ist daher immer produktspezifisch.
Produktnormen haben Vorrang
Existiert für ein Produkt eine produktspezifische EMV-Norm, sollte diese grundsätzlich angewendet werden.
Produktspezifische Normen enthalten speziell auf die jeweilige Produktkategorie abgestimmte Prüfverfahren, Grenzwerte und Leistungsanforderungen.
Beispiele hierfür sind Normen für:
- Haushaltsgeräte
- Multimedia- und IT-Geräte
- Beleuchtungseinrichtungen
- Mess- und Laborgeräte
- Medizinische elektrische Geräte
Produktspezifische Normen haben in der Regel Vorrang vor generischen EMV-Normen.
Generische EMV-Normen
Falls keine Produktnorm existiert, kommen sogenannte generische EMV-Normen zur Anwendung.
Diese unterscheiden sich hauptsächlich nach der vorgesehenen Einsatzumgebung, beispielsweise:
- Wohn-, Geschäfts- und Gewerbebereich
- Industrieumgebung
Da sich die Anforderungen und Grenzwerte je nach Einsatzumgebung unterscheiden können, ist die korrekte Einstufung des Produkts von entscheidender Bedeutung.
Harmonisierte Normen werden regelmäßig aktualisiert
Harmonisierte Normen bleiben nicht dauerhaft unverändert. Sie werden regelmäßig:
- aktualisiert,
- geändert,
- ersetzt oder
- aus dem Amtsblatt der Europäischen Union gestrichen.
Hersteller sollten deshalb vor Beginn eines Projekts immer prüfen, welche Normen aktuell unter der EMV-Richtlinie harmonisiert sind.
Wo finde ich die aktuellen harmonisierten EMV-Normen?
Die Europäische Kommission veröffentlicht die harmonisierten Normen im Amtsblatt der Europäischen Union (Official Journal of the European Union – OJEU). Diese Veröffentlichungen bilden die offizielle Grundlage für die Anwendung harmonisierter Normen.
Da die Recherche im Amtsblatt jedoch zeitaufwendig sein kann, stellt ScopeRight eine kostenlose EMC Harmonised Standards Database zur Verfügung. Dort können Hersteller die aktuell harmonisierten EMV-Normen durchsuchen, ersetzte Normen identifizieren und schnell feststellen, welche Ausgabe derzeit harmonisiert ist.
Weiterführende Informationen:
- EMC Harmonised Standards Database (ScopeRight): https://scope-right.com/standards-database/emc-harmonised-standards-database/
- Europäische Kommission – Harmonisierte Normen zur EMV-Richtlinie: https://single-market-economy.ec.europa.eu/single-market/goods/european-standards/harmonised-standards/electromagnetic-compatibility-emc_de
Fazit
Die Auswahl der richtigen EMV-Norm ist die Grundlage für eine erfolgreiche Konformitätsbewertung. Wer die relevanten harmonisierten Normen frühzeitig identifiziert, kann Prüfungen effizient planen, unnötige Kosten vermeiden und das Risiko späterer Designänderungen deutlich reduzieren.
Im nächsten Kapitel beantworten wir die häufigsten Fragen (FAQ) rund um EMV, EMV-Prüfungen und die EMV-Richtlinie.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Im Folgenden beantworten wir einige der häufigsten Fragen rund um die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV), EMV-Prüfungen und die EMV-Richtlinie.
Ist eine EMV-Prüfung gesetzlich vorgeschrieben?
Für viele elektrische und elektronische Produkte lautet die Antwort: Ja.
Bevor ein Produkt auf dem europäischen Markt bereitgestellt werden darf, muss der Hersteller nachweisen, dass es die Anforderungen der geltenden europäischen Rechtsvorschriften erfüllt. Für viele Produkte ist dies die EMV-Richtlinie (2014/30/EU). Produkte mit integrierten Funktechnologien fallen in der Regel unter die Funkanlagenrichtlinie (RED 2014/53/EU), welche ebenfalls Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit enthält.
Welche gesetzlichen Anforderungen gelten, hängt immer vom jeweiligen Produkt und seinem Verwendungszweck ab.
Welche Produkte benötigen eine EMV-Prüfung?
Die meisten elektrischen und elektronischen Produkte müssen im Rahmen der Konformitätsbewertung auf ihre elektromagnetische Verträglichkeit geprüft werden.
Hierzu gehören beispielsweise:
- Haushaltsgeräte
- Industrie- und Automatisierungstechnik
- Netzteile
- Beleuchtungseinrichtungen
- Mess- und Laborgeräte
- Multimedia- und IT-Produkte
- Maschinen mit elektrischen oder elektronischen Komponenten
- Produkte mit integrierten Funktechnologien
Je nach Produkt können zusätzlich weitere EU-Richtlinien oder EU-Verordnungen anwendbar sein.
Wie lange dauert eine EMV-Prüfung?
Die Dauer einer EMV-Prüfung hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem:
- Komplexität des Produkts
- Anzahl der erforderlichen Prüfungen
- Anwendbare Normen
- Verfügbarkeit des Prüflabors
- Erforderliche Nachprüfungen oder Produktänderungen
Einfache Prüfprogramme können innerhalb weniger Tage abgeschlossen werden, während komplexere Produkte mehrere Wochen in Anspruch nehmen können.
Was kostet eine EMV-Prüfung?
Die Kosten einer EMV-Prüfung lassen sich nicht pauschal angeben.
Sie hängen unter anderem ab von:
- der Produktart,
- den anzuwendenden Normen,
- dem Umfang der erforderlichen Prüfungen,
- der Anzahl der Produktvarianten,
- sowie möglichen Nachprüfungen oder Produktanpassungen.
Wer bereits in der Entwicklungsphase die richtigen Normen und Prüfanforderungen berücksichtigt, kann den Prüfaufwand und damit häufig auch die Zertifizierungskosten reduzieren.
Wer darf EMV-Prüfungen durchführen?
EMV-Prüfungen werden üblicherweise von spezialisierten EMV-Prüflaboren durchgeführt.
Für die meisten Produkte ist keine Benannte Stelle erforderlich. Die Verantwortung für die Konformität des Produkts verbleibt jedoch stets beim Hersteller.
Kann ich EMV-Prüfungen selbst durchführen?
Vorentwicklungs- oder Pre-Compliance-Messungen können sinnvoll sein, um mögliche EMV-Probleme frühzeitig zu erkennen.
Für den formalen Nachweis der Konformität werden die erforderlichen EMV-Prüfungen jedoch in der Regel von einem entsprechend ausgestatteten EMV-Prüflabor nach den geltenden Normen durchgeführt.
Wo finde ich die aktuellen harmonisierten EMV-Normen?
Die harmonisierten Normen zur EMV-Richtlinie werden von der Europäischen Kommission im Amtsblatt der Europäischen Union (Official Journal of the European Union – OJEU) veröffentlicht.
Da sich harmonisierte Normen regelmäßig ändern oder ersetzt werden, sollten Hersteller vor Beginn eines Projekts stets prüfen, welche Normen aktuell gültig sind.
Zur schnelleren Recherche bietet ScopeRight eine kostenlose EMC Harmonised Standards Database, mit der sich die aktuell harmonisierten EMV-Normen und deren gültige Fassungen einfach durchsuchen lassen.
Was ist der Unterschied zwischen EMV und EMI?
Die Begriffe werden häufig verwechselt, beschreiben jedoch unterschiedliche Sachverhalte.
EMV (Elektromagnetische Verträglichkeit) beschreibt die Fähigkeit eines Produkts, in seiner elektromagnetischen Umgebung störungsfrei zu funktionieren, ohne andere Geräte unzulässig zu beeinflussen.
EMI (Electromagnetic Interference) bezeichnet hingegen die elektromagnetischen Störungen selbst.
Einfach ausgedrückt: EMI ist die Störung – EMV ist die Fähigkeit, diese Störung zu vermeiden oder ihr standzuhalten.
Ist EMV für die CE-Kennzeichnung erforderlich?
Für viele elektrische und elektronische Produkte ist die Einhaltung der EMV-Anforderungen ein wesentlicher Bestandteil der CE-Konformitätsbewertung.
Bevor die CE-Kennzeichnung angebracht werden darf, muss der Hersteller nachweisen, dass alle anwendbaren europäischen Rechtsvorschriften eingehalten wurden. Je nach Produkt gehören hierzu unter anderem die EMV-Richtlinie, die Funkanlagenrichtlinie (RED) oder weitere EU-Richtlinien und EU-Verordnungen.
Fazit
Die elektromagnetische Verträglichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung und Zulassung elektrischer und elektronischer Produkte. Wer die gesetzlichen Anforderungen kennt, die richtigen harmonisierten Normen auswählt und EMV bereits frühzeitig im Entwicklungsprozess berücksichtigt, kann Zertifizierungsrisiken reduzieren, Kosten senken und den Weg zur CE-Kennzeichnung erheblich vereinfachen.
Eine strukturierte Planung der EMV-Anforderungen bildet die Grundlage für einen erfolgreichen und effizienten Konformitätsbewertungsprozess.