IEC 62368-1 / EN 62368-1: Editionen, Unterschiede und Anwendung
Die IEC 62368-1 ist heute eine der wichtigsten Sicherheitsnormen für elektronische Geräte aus den Bereichen Audio/Video, Informationstechnologie und Kommunikationstechnik. Gleichzeitig sorgt kaum eine andere Sicherheitsnorm für so viel Verwirrung bei der Frage, welche Version tatsächlich anzuwenden ist.
Ein Grund dafür ist, dass mehrere Bezeichnungen parallel verwendet werden:
- IEC 62368-1:2023
- EN IEC 62368-1:2024
- EN IEC 62368-1:2024/A11:2024
- beispielsweise DIN EN IEC 62368-1:2025-01
Technisch hängen diese Dokumente eng zusammen, sie sind aber nicht identisch.
Hinzu kommt eine zweite häufige Fehlannahme: 62368-1 wird insbesondere bei Funkprodukten häufig als „RED-Sicherheitsnorm“ bezeichnet. Das ist so pauschal nicht richtig. Entscheidend ist zunächst, welche Art von Produkt vorliegt und welche Sicherheitsnorm für dieses Produkt anwendbar ist.
1. Was ist IEC 62368-1?
IEC 62368-1 ist eine internationale Produktsicherheitsnorm für
Audio/video, information and communication technology equipment – Part 1: Safety requirements.
Die Norm wird vom IEC Technical Committee TC 108 erarbeitet und verfolgt einen sogenannten hazard-based safety engineering approach.
Dabei wird nicht ausschließlich danach gefragt, zu welcher traditionellen Produktkategorie ein Gerät gehört. Stattdessen wird betrachtet:
- welche Energiequellen im Gerät vorhanden sind,
- welche Gefährdungen daraus entstehen können,
- welche Personen diesen Gefährdungen ausgesetzt sein können und
- welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind.
Die Norm klassifiziert Energiequellen und legt darauf aufbauend Schutzmaßnahmen fest. Ziel ist es, die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen sowie – insbesondere bei Brandgefahren – von Sachschäden zu reduzieren.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zu älteren Sicherheitsnormen wie IEC 60950-1 oder IEC 60065.
2. Für welche Produkte gilt IEC 62368-1?
IEC 62368-1 ist für elektrische und elektronische Einrichtungen aus den Bereichen
- Audio
- Video
- Informationstechnik
- Kommunikationstechnik
vorgesehen.
Dazu können beispielsweise gehören:
- Computer und Server
- Netzwerkgeräte
- Router und Switches
- Telekommunikationseinrichtungen
- Set-Top-Boxen
- Audio- und Videogeräte
- Monitore und Displays
- bestimmte Bürogeräte
- Kommunikationsgeräte
- bestimmte Geräte der Unterhaltungselektronik
- Geräte mit integrierten Netzteilen und elektrischen Energiequellen
Die aktuelle deutsche Ausgabe beschreibt den Anwendungsbereich ausdrücklich für Audio/Video-, Informations- und Kommunikationstechnik einschließlich elektrischer Büromaschinen und nennt eine Nennspannung bis 600 V.
Entscheidend ist nicht allein, ob ein Gerät „elektronisch“ ist.
Die Tatsache, dass ein Produkt Elektronik enthält, reicht nicht automatisch aus.
Für andere Produktgruppen existieren eigene Sicherheitsnormen, beispielsweise:
- IEC 60601-1 für medizinische elektrische Geräte
- IEC 61010-1 für Mess-, Steuer-, Regel- und Laborgeräte
- IEC 60335-1 für bestimmte Haushalts- und ähnliche Geräte
Daher muss vor der Auswahl von 62368-1 zunächst der Produktumfang und die bestimmungsgemäße Verwendung betrachtet werden.
3. Netzteile: Wann fällt ein Power Supply unter 62368-1?
Ein wichtiger Punkt wird in der Praxis häufig übersehen: Die Norm betrachtet nicht nur das komplette Endgerät.
Die aktuelle europäische/deutsche Fassung nennt ausdrücklich auch:
- Bauteile und Baugruppen, die für den Einbau in entsprechende Einrichtungen vorgesehen sind,
- externe Netzteile, die zur Versorgung solcher Einrichtungen vorgesehen sind,
- Zubehör für solche Einrichtungen.
Das bedeutet beispielsweise:
Ein externes Netzteil, das ausdrücklich zur Versorgung eines IT- oder Kommunikationsgerätes vorgesehen ist, kann selbst in den Anwendungsbereich von IEC/EN 62368-1 fallen.
Das ist etwas anderes als die Aussage:
„Jedes Netzteil muss nach 62368-1 geprüft werden.“
Das wäre zu pauschal.
Entscheidend sind unter anderem:
- bestimmungsgemäße Verwendung,
- Produktart,
- Einsatzbereich,
- elektrische Eigenschaften,
- ob das Netzteil eigenständig auf dem Markt bereitgestellt wird,
- oder ob es ausschließlich als Bestandteil eines anderen Produkts betrachtet wird.
4. Auch Komponenten und Baugruppen können betrachtet werden
IEC 62368-1 ist nicht ausschließlich eine Norm für das fertig montierte Endprodukt.
Die europäische Fassung nennt ausdrücklich Bauteile und Baugruppen, die für den Einbau in Einrichtungen innerhalb des Anwendungsbereichs vorgesehen sind.
Dabei ist aber eine wichtige Unterscheidung notwendig:
Eine Komponente muss nicht zwangsläufig alle Anforderungen der Endgeräte-Norm vollständig erfüllen, wenn sie in ein Endgerät integriert wird und das vollständige Gerät die Anforderungen der Norm erfüllt.
Das ist insbesondere bei Komponenten relevant, die als Teil eines größeren Systems bewertet werden.
Deshalb sollte zwischen
- einer eigenständig vermarkteten Komponente,
- einem für ein bestimmtes Endgerät vorgesehenen Bauteil,
- einem Modul,
- einem externen Netzteil
und dem vollständigen Endgerät unterschieden werden.
Für die technische Bewertung muss also immer klar sein, welches Produkt tatsächlich Gegenstand der Konformitätsbewertung ist.
5. Warum gibt es 62368-1 überhaupt?
Die Entstehung der IEC 62368-1 hängt eng mit zwei älteren Normen zusammen:
- IEC 60950-1 – Safety of information technology equipment
- IEC 60065 – Audio, video and similar electronic apparatus
Die technische Entwicklung führte dazu, dass die Grenzen zwischen diesen Produktgruppen zunehmend verschwammen.
Ein modernes Gerät konnte gleichzeitig
- IT-Funktionen,
- Netzwerkfunktionen,
- Audio-/Videofunktionen,
- Telekommunikationsfunktionen
enthalten.
Daher wurde eine gemeinsame Sicherheitsnorm entwickelt, die die bisherigen Produktwelten zusammenführt.
IEC 62368-1 wurde dabei nicht einfach als neue Version von IEC 60950-1 oder IEC 60065 entwickelt. Das Sicherheitskonzept wurde grundlegend auf den hazard-based approach ausgerichtet.
6. Die Entwicklung der IEC 62368-1
Die internationale IEC-Norm hat mehrere Editionen durchlaufen.
| Edition | Veröffentlichung | Status |
| IEC 62368-1:2010 (Edition 1.0) | 2010 | durch spätere Edition ersetzt |
| IEC 62368-1:2014 (Edition 2.0) | 2014 | durch spätere Edition ersetzt |
| IEC 62368-1:2018 (Edition 3.0; mit AMD1:2020 konsolidiert als Edition 3.1) | 2018 | durch spätere Edition ersetzt |
| IEC 62368-1:2023 (Edition 4.0) | 2023 | aktuelle IEC-Edition |
Die IEC führt IEC 62368-1:2023 als Edition 4.0 und als gültige aktuelle Ausgabe. Sie wurde am 26. Mai 2023 veröffentlicht.
Wichtig ist die Unterscheidung bei Edition 3:
IEC 62368-1:2018 ist Edition 3.0.
Mit Amendment 1 aus dem Jahr 2020 ergibt sich die konsolidierte Fassung Edition 3.1. Das bedeutet nicht, dass „Edition 3.1“ eine eigenständige neue IEC-Hauptedition zwischen Edition 3 und Edition 4 wäre.
Die aktuelle internationale Hauptedition ist IEC 62368-1:2023, Edition 4.0.
7. Was ist die aktuelle europäische Version?
Hier beginnt die eigentliche Verwirrung.
Die internationale Norm lautet:
IEC 62368-1:2023
Die europäische Übernahme lautet:
EN IEC 62368-1:2024
Dazu kommt:
EN IEC 62368-1:2024/A11:2024
In Deutschland wurde daraus beispielsweise:
DIN EN IEC 62368-1:2025-01 (VDE 0868-1:2025-01)
mit dem vollständigen Titel:
IEC 62368-1:2023, modifiziert; Deutsche Fassung EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
Die DKE führt diese deutsche Ausgabe aktuell.
Damit kann man vereinfacht sagen:
International:
IEC 62368-1:2023
Europa:
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
Deutschland:
DIN EN IEC 62368-1:2025-01
8. Warum steht dort „EN IEC“?
Die Bezeichnung EN IEC bedeutet nicht, dass es zwei verschiedene Normen gibt.
Sie zeigt vielmehr, dass eine IEC-Norm als europäische Norm übernommen wurde.
Dabei ist aber wichtig:
Eine EN ist nicht zwangsläufig eine 1:1-Kopie der IEC-Norm.
Die europäische Übernahme kann europäische Änderungen, Ergänzungen oder Abweichungen enthalten.
Genau deshalb ist
IEC 62368-1:2023
nicht automatisch dasselbe Dokument wie
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024.
Für diese konkrete Norm muss jedoch noch genauer unterschieden werden:
EN IEC 62368-1:2024 allein übernimmt IEC 62368-1:2023 ohne europäische technische Änderung. Die europäischen Modifikationen werden durch A11:2024 eingeführt.
Wenn DKE deshalb die deutsche Fassung als
„IEC 62368-1:2023, modifiziert; Deutsche Fassung EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024“
bezeichnet, bezieht sich „modifiziert“ auf die europäische Fassung einschließlich A11.
9. Was macht A11?
Das A11 ist ein europäisches Amendment.
Bei
EN IEC 62368-1:2024/A11:2024
handelt es sich also nicht um eine völlig neue IEC-Edition.
A11 ergänzt bzw. verändert die europäische Fassung.
Besonders wichtig für die praktische Anwendung sind die europäischen Anhänge, die durch A11 eingeführt bzw. ergänzt werden.
Dazu gehören unter anderem:
- Annex ZA – normative Verweise auf internationale Publikationen und die entsprechenden europäischen Veröffentlichungen
- Annex ZB – Special National Conditions
- Annex ZC – A-deviations
- Annex ZD – IEC- und CENELEC-Codebezeichnungen für flexible Leitungen
Die europäische Fassung kennzeichnet zusätzliche europäische Inhalte grundsätzlich mit dem Präfix Z.
10. Wo findet man die Unterschiede zwischen IEC und EN?
Wer nur die IEC 62368-1:2023 besitzt, kann daraus nicht automatisch alle europäischen Anforderungen ableiten.
Die Unterschiede müssen in der europäischen Fassung betrachtet werden.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist das European Foreword.
Danach sollten insbesondere die mit Z gekennzeichneten europäischen Ergänzungen betrachtet werden.
Annex ZA
Hier wird dargestellt, welche internationalen normativen Referenzen verwendet werden und welche europäischen Veröffentlichungen diesen entsprechen.
Das ist wichtig, weil sich eine normative Referenz in der europäischen Anwendung auf eine EN-Version beziehen kann, während die IEC-Ausgabe auf die entsprechende IEC-Publikation verweist.
Annex ZB
Hier befinden sich Special National Conditions.
Diese können relevant werden, wenn nationale Besonderheiten eines Landes berücksichtigt werden müssen.
Annex ZC
Hier werden die A-deviations aufgeführt.
Dabei handelt es sich um nationale Abweichungen, die aufgrund nationaler Vorschriften erforderlich sind und deren Änderung für das betreffende CENELEC-Mitglied derzeit nicht möglich ist.
Annex ZD
Dieser behandelt die europäischen IEC-/CENELEC-Codebezeichnungen für flexible Leitungen.
11. Was sind A-deviations?
A-deviations sind ein wichtiger Punkt, wenn eine internationale Norm in Europa angewendet wird.
Eine A-deviation beschreibt eine nationale Abweichung von einer internationalen Norm, die aufgrund nationaler Vorschriften erforderlich ist und deren Änderung für das jeweilige CENELEC-Mitglied derzeit nicht möglich ist.
Deshalb sollte ein Hersteller nicht einfach sagen:
„Ich habe IEC 62368-1:2023 angewendet, also ist damit automatisch die europäische EN-Anforderung erfüllt.“
Für den europäischen Markt muss die europäische Fassung einschließlich ihrer europäischen Ergänzungen und Abweichungen betrachtet werden.
12. Wie lange sind die alten Versionen noch gültig?
Hier muss zwischen drei verschiedenen Dingen unterschieden werden:
- Ist die Norm technisch aktuell?
- Ist die entsprechende nationale Norm noch veröffentlicht?
- Ist eine bestimmte Ausgabe für einen bestimmten Rechtsrahmen noch als harmonisierte Norm gelistet?
Diese drei Fragen haben nicht zwangsläufig dieselbe Antwort.
Die IEC führt beispielsweise IEC 62368-1:2018 inzwischen als „Revised“, während IEC 62368-1:2023 als „Valid“ geführt wird.
Auf europäischer und nationaler Ebene gibt es zusätzlich Übergangs- und Rücknahmedaten.
Für EN IEC 62368-1:2024/A11:2024 wurden beispielsweise folgende CENELEC-Termine festgelegt:
- DOP: 15.02.2025 – spätestens bis dahin nationale Umsetzung bzw. Übernahme
- DOW: 15.02.2027 – spätestens bis dahin müssen entgegenstehende nationale Normen zurückgezogen werden; dies betrifft insbesondere die Vorgängerausgabe EN IEC 62368-1:2020 + A11:2020.
Der DOW ist dabei ein CENELEC-Normenlebenszyklus-Termin. Er ist nicht automatisch ein allgemeines gesetzliches Ablaufdatum für die Anwendung einer alten Norm.
Das bedeutet insbesondere nicht:
„Bis zum 15.02.2027 darf jedes Produkt noch nach jeder alten Ausgabe geprüft werden.“
Für ein konkretes Produkt muss zusätzlich geprüft werden,
- welche Ausgabe technisch angewendet wird,
- welche nationale Umsetzung gilt,
- welcher EU-Rechtsakt relevant ist und
- welche Normenausgabe für diesen Rechtsakt als harmonisierte Norm veröffentlicht wurde.
13. Aktuelle deutsche Situation
In Deutschland ist heute
DIN EN IEC 62368-1:2025-01
die aktuelle nationale Ausgabe auf Basis von
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
und
IEC 62368-1:2023.
Die DKE führt diese Ausgabe aktuell.
Zusätzlich gibt es mittlerweile Berichtigungen zur deutschen Ausgabe.
Berichtigung 1:2025-12 korrigiert einen Satz in Anhang T, T.10, zur Zersplitterungsprüfung.
Berichtigung 2:2026-08 gehört ebenfalls zur Ausgabe DIN EN IEC 62368-1:2025-01. Sie korrigiert unter anderem die Überschrift von Anhang E sowie die Legende einer Formel in G.5.3.4.7.
Sie ist nicht mit der Berichtigung 2:2023-08 der Vorgängerausgabe zu verwechseln.
Für eine belastbare Konformitätsbewertung sollte deshalb nicht nur nach „62368-1“ gesucht werden. Die exakte Ausgabe einschließlich Amendment und gegebenenfalls Corrigendum sollte dokumentiert werden.
14. IEC 62368-1 ist keine „Funknorm“
Das ist einer der wichtigsten Punkte für Hersteller von Funkprodukten.
IEC 62368-1 ist keine Funknorm.
Sie definiert beispielsweise nicht:
- die zulässige Sendeleistung eines WLAN-Gerätes,
- die zulässigen Frequenzbereiche,
- die Funkkanalparameter,
- die ETSI-Funkanforderungen,
- die zulässigen Emissionsgrenzen eines Funkmoduls.
Diese Anforderungen werden über entsprechende Funknormen und andere regulatorische Anforderungen abgedeckt.
62368-1 ist eine Produktsicherheitsnorm.
15. Warum wird 62368-1 dann so häufig mit Funkprodukten verbunden?
Die Ursache liegt vor allem in der Entwicklung moderner IT- und Kommunikationstechnik.
Viele Geräte, die heute Funk enthalten, sind gleichzeitig:
- Netzwerkgeräte,
- Computer,
- Telekommunikationsgeräte,
- Audio-/Videogeräte,
- Internetgeräte oder
- andere Geräte der Informations- und Kommunikationstechnik.
Historisch wurden viele dieser Geräte nach IEC 60950-1 bewertet. Mit der Ablösung dieser Norm durch IEC 62368-1 wurde die 62368-1 deshalb bei zahlreichen modernen Kommunikations- und Netzwerkprodukten zur relevanten Sicherheitsnorm.
Daraus entstand in der Praxis teilweise die vereinfachte Aussage:
„Funkgerät = 62368-1.“
Diese Aussage ist technisch nicht korrekt.
Richtig ist:
Ein Funkgerät kann unter IEC/EN 62368-1 fallen, wenn es aufgrund seiner Produktart und bestimmungsgemäßen Verwendung in den Anwendungsbereich dieser Sicherheitsnorm gehört.
Die Funkfunktion selbst ist nicht das Kriterium.
16. WLAN oder Bluetooth entscheiden nicht über die Sicherheitsnorm
Ein Gerät wird nicht deshalb zu einem 62368-1-Produkt, weil es WLAN oder Bluetooth verwendet.
Beispielsweise kann ein Bluetooth-Gerät je nach Produktart unter ganz unterschiedliche Sicherheitsnormen fallen.
Ein medizinisches Gerät mit Bluetooth kann beispielsweise unter den Sicherheitsanforderungen der medizinischen Produktnormen bewertet werden.
Ein Messgerät mit Bluetooth kann wiederum unter den entsprechenden Sicherheitsanforderungen für Mess-, Steuer- oder Laborgeräte fallen.
Ein Netzwerkgerät mit WLAN kann dagegen in den Anwendungsbereich von 62368-1 fallen.
Die Funktechnologie ist also nicht das Auswahlkriterium für die Sicherheitsnorm.
Das Produkt und seine Funktion sind entscheidend.
17. Ist 62368-1 eine RED-Norm?
Hier liegt eine besonders häufige Verwechslung vor.
Die RED – Directive 2014/53/EU – enthält unter anderem Anforderungen an die Sicherheit von Funkanlagen.
Daraus folgt aber nicht:
„Für jedes Funkprodukt verlangt die RED EN 62368-1.“
Das wäre falsch.
Die RED enthält verschiedene grundlegende Anforderungen. Dazu gehören unter anderem Anforderungen an Gesundheit und Sicherheit sowie an elektromagnetische Verträglichkeit und die effiziente Nutzung des Funkspektrums.
Eine Sicherheitsnorm wie EN 62368-1 kann für ein bestimmtes Funkgerät relevant sein, wenn das Produkt in ihren Anwendungsbereich fällt.
Die Funkanforderungen selbst werden jedoch nicht durch 62368-1 ersetzt.
Normen sind grundsätzlich freiwillig. Die Anwendung einer harmonisierten Norm kann eine Konformitätsvermutung für die von ihr abgedeckten Anforderungen vermitteln. Sie ist aber nicht der einzige mögliche Weg, die Einhaltung der grundlegenden Anforderungen nachzuweisen.
18. RED bedeutet nicht nur Funkprüfung
Bei einem Funkprodukt muss deshalb grundsätzlich zwischen verschiedenen technischen Bereichen unterschieden werden.
| Bereich | Typische Fragestellung |
| Produktsicherheit | Welche Sicherheitsnorm gilt für das Produkt? |
| Funk | Welche Funknormen gelten für die verwendete Funktechnologie? |
| EMC | Welche EMV-Anforderungen gelten? |
| EMF / Exposure | Welche Anforderungen gelten für die Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern? |
| weitere Anforderungen | z. B. produktspezifische oder zusätzliche regulatorische Anforderungen |
Bei einem Produkt mit WLAN, Bluetooth oder einer anderen Funktechnologie ist daher nicht automatisch „62368-1“ der zentrale Ausgangspunkt.
Die richtige Reihenfolge lautet vielmehr:
Produkt bestimmen → bestimmungsgemäße Verwendung bestimmen → anwendbare Rechtsakte bestimmen → passende Produkt-/Sicherheitsnorm bestimmen → Funk-, EMV- und weitere Anforderungen ergänzen.
19. IEC 62368-1 und RED können trotzdem gemeinsam vorkommen
Dass 62368-1 keine reine RED-Norm ist, bedeutet nicht, dass sie bei einem RED-Produkt keine Rolle spielen kann.
Ein Hersteller kann beispielsweise ein Netzwerkgerät mit integrierter Funkfunktion entwickeln.
Dann kann das Produkt gleichzeitig
- ein Funkgerät im Sinne der RED sein,
- ein Gerät der Informations- und Kommunikationstechnik sein,
- und deshalb für die Produktsicherheit nach EN IEC 62368-1 bewertet werden.
In einer solchen Konformitätsbewertung können daher beispielsweise eine Funknorm, eine EMV-Norm und EN IEC 62368-1 gemeinsam relevant sein.
Entscheidend ist immer, welche Anforderung durch welche Norm abgedeckt wird.
20. Ein wichtiger Unterschied: „anwendbare Norm“ und „harmonisierte Norm“
Auch dieser Unterschied ist für Hersteller wichtig.
Eine Norm kann technisch für ein Produkt geeignet und anwendbar sein, ohne dass ihre Fundstelle bereits für einen bestimmten EU-Rechtsakt im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht wurde.
Für die entsprechende Vermutungswirkung ist die Veröffentlichung der Fundstelle als harmonisierte Norm im Rahmen des jeweiligen Rechtsakts entscheidend.
Bei der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU führt der aktuelle konsolidierte Kommissionsbeschluss (EU) 2023/2723, dessen derzeit verfügbare konsolidierte Fassung bis 30.04.2026 reicht, EN 62368-1:2014 einschließlich EN 62368-1:2014/AC:2015 weiterhin in Anhang I als harmonisierte Norm.
Wichtig ist dabei: Der aktuelle europäische technische Stand und der harmonisierte Rechtsstatus sind zwei unterschiedliche Dinge.
Die technisch aktuelle europäische Norm ist:
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
Der derzeit im LVD-Rechtsakt veröffentlichte Eintrag lautet dagegen:
EN 62368-1:2014 + AC:2015.
Genau diese Situation zeigt, warum „neueste Norm“ und „harmonisierte Norm“ nicht automatisch dasselbe bedeuten.
Für einen konkreten Konformitätsnachweis muss deshalb immer geprüft werden:
- Welche Norm ist technisch für das Produkt geeignet?
- Welche Ausgabe wird tatsächlich angewendet?
- Welcher Rechtsakt ist relevant?
- Welche Normenausgabe ist für diesen Rechtsakt im Amtsblatt veröffentlicht?
- Gibt es Übergangs-, Rücknahme- oder besondere Anwendungsbedingungen?
Deshalb sollte in einem Testplan niemals nur stehen:
EN 62368-1
Sinnvoller ist die Angabe der exakten Ausgabe und – wenn für die Bewertung relevant – des entsprechenden Rechtsakts und des Harmonisierungsstatus.
21. Was sollte ein Hersteller konkret dokumentieren?
Für ein Produkt, bei dem 62368-1 relevant ist, sollte die technische Dokumentation eindeutig erkennen lassen:
- Welches Produkt wird bewertet?
- Welche bestimmungsgemäße Verwendung liegt vor?
- Warum fällt das Produkt in den Anwendungsbereich von 62368-1?
- Welche Edition wurde angewendet?
- Welche europäische Fassung wurde verwendet?
- Wurden A11 und relevante Corrigenda berücksichtigt?
- Welche europäischen Abweichungen sind relevant?
- Welche weiteren Sicherheitsnormen sind gegebenenfalls zusätzlich zu berücksichtigen?
- Welche Funk-, EMV- und Exposure-Anforderungen gelten separat?
- Unter welchem EU-Rechtsakt wird die Konformität erklärt?
- Welcher Harmonisierungsstatus gilt für die konkret verwendete Normenausgabe?
Gerade bei Produkten mit mehreren Funktionen ist diese strukturierte Betrachtung wichtig.
22. IEC 62368-1:2023 vs. EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
Die wichtigsten Unterschiede lassen sich vereinfacht so darstellen:
| IEC 62368-1:2023 | EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024 | |
| Ebene | International | Europa |
| Edition | 4.0 | basiert auf IEC Edition 4 |
| Herausgeber | IEC | CENELEC |
| technische Basis | IEC 62368-1:2023 | IEC 62368-1:2023 |
| europäische Anpassungen | Nein | Ja, durch A11 |
| Annex ZA | Nein | Ja |
| Annex ZB | Nein | Ja |
| Annex ZC | Nein | Ja |
| Annex ZD | Nein | Ja |
| nationale Umsetzung | nicht zutreffend | z. B. DIN EN IEC 62368-1:2025-01 |
Die IEC führt Edition 4.0 als aktuelle internationale Ausgabe.
Die DKE führt die entsprechende europäische/deutsche Fassung auf Basis von IEC 62368-1:2023 als aktuell.
23. Was ist also heute die „richtige“ 62368-1?
Hier muss zwischen technischer Anwendung und Harmonisierungsstatus unterschieden werden.
Für eine internationale technische Betrachtung
IEC 62368-1:2023 – Edition 4.0
Für die aktuelle europäische technische Norm
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024
Für Deutschland
DIN EN IEC 62368-1:2025-01
Die deutsche Ausgabe basiert auf IEC 62368-1:2023 und der europäischen Fassung EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024.
Für die rechtliche Konformitätsbewertung reicht diese Aussage jedoch noch nicht aus.
Es muss zusätzlich geprüft werden, ob und welche Ausgabe der Norm für den konkreten Rechtsakt als harmonisierte Norm veröffentlicht wurde.
Für die LVD ist der derzeit verfügbare EU-Rechtsstand besonders relevant: Dort ist weiterhin EN 62368-1:2014 + AC:2015 als veröffentlichte harmonisierte Norm aufgeführt.
Damit gilt:
Neueste technische Ausgabe ≠ automatisch harmonisierte Ausgabe.
Das ist einer der wichtigsten Punkte bei der Auswahl der Norm für einen Konformitäts- oder Testplan.
24. Was bedeutet das für die Erstellung eines Testplans?
Bei der Erstellung eines Testplans sollte 62368-1 deshalb nicht einfach als Standardname aus einer Datenbank übernommen werden.
Ein belastbarer Testplan sollte mindestens folgende Informationen berücksichtigen:
Produktkategorie
→ IT / ICT / Audio / Video / Kommunikationstechnik?
Produktfunktion
→ Welche Hauptfunktion hat das Gerät?
Versorgung
→ Netzbetrieb, externes Netzteil, Batterie, PoE, andere Energiequellen?
Komponenten
→ Welche Netzteile, Module oder Baugruppen sind integriert?
Europäische Ausgabe
→ EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024?
Nationale Umsetzung
→ beispielsweise DIN EN IEC 62368-1:2025-01?
Rechtsrahmen
→ RED, LVD oder anderer Rechtsrahmen?
Harmonisierungsstatus
→ Ist die konkret verwendete Normenausgabe für den relevanten Rechtsakt im Amtsblatt veröffentlicht?
Weitere Normen
→ Funk, EMC, EMF/Exposure und gegebenenfalls weitere produktspezifische Anforderungen.
Damit wird aus der Frage
„Braucht das Produkt 62368-1?“
eine wesentlich bessere Frage:
„Welche Produktsicherheitsnorm ist für dieses konkrete Produkt unter dem vorgesehenen regulatorischen Rahmen anwendbar, und welche Ausgabe ist für den jeweiligen Konformitätsnachweis relevant?“
25. Die wichtigsten Punkte zusammengefasst
IEC 62368-1 ist eine internationale Produktsicherheitsnorm für Audio/Video-, Informations- und Kommunikationstechnik.
Die aktuelle internationale Edition ist:
IEC 62368-1:2023, Edition 4.0.
Die aktuelle europäische technische Fassung basiert auf dieser Edition und lautet:
EN IEC 62368-1:2024 + A11:2024.
In Deutschland ist die entsprechende nationale Ausgabe:
DIN EN IEC 62368-1:2025-01.
EN IEC ist nicht einfach nur eine andere Schreibweise für IEC. Die europäische Fassung kann europäische Änderungen und Abweichungen enthalten.
A11 ist ein europäisches Amendment und enthält unter anderem die europäischen Anhänge ZA, ZB, ZC und ZD.
Netzteile und Komponenten können ebenfalls in den Anwendungsbereich fallen, insbesondere wenn sie für entsprechende IT-/ICT-/AV-Geräte vorgesehen sind.
62368-1 ist keine Funknorm.
WLAN oder Bluetooth bestimmen nicht, ob 62368-1 anzuwenden ist.
Ein Funkgerät kann trotzdem unter 62368-1 fallen, wenn es aufgrund seiner Produktart in den Anwendungsbereich der Norm gehört.
Und schließlich:
„62368-1 ist eine RED-Norm“ ist als allgemeine Aussage falsch.
Die richtige Betrachtung beginnt immer mit dem Produkt, seiner Funktion und seinem vorgesehenen Einsatz.
Erst daraus ergibt sich, welche Sicherheitsnorm und welche weiteren Normen für die Konformitätsbewertung heranzuziehen sind.
Dabei muss zusätzlich zwischen der technisch aktuellen Normenausgabe und der für einen bestimmten EU-Rechtsakt harmonisierten Normenausgabe unterschieden werden.
Gerade bei IEC/EN 62368-1 ist diese Unterscheidung entscheidend: Eine aktuelle europäische Norm kann technisch bereits vorliegen, während für die Vermutungswirkung unter einem bestimmten Rechtsakt noch eine ältere Normenausgabe im Amtsblatt geführt wird. Der aktuelle Rechtsstatus muss deshalb immer anhand des jeweiligen EU-Rechtsakts geprüft werden.